Didaktische Konzeption

Sprachen lernt man, wenn sie uns dem Sinn und der Form nach verständlich zugesprochen werden. Uns muss klar sein, (1) was eine Äußerung bedeutet, (2) wie sie aufgebaut ist. Dieses Doppelverstehen (oder zweifach verstehen) ist die  Grundbedingung jeden Spracherwerbs. Sie gilt auch für die hier zweisprachig dargebotenen erzählenden Texte, die den auf Alltagskommunikation zielenden Deutschunterricht ergänzen sollen. Zahllose Generationen von der Antike bis heute haben mit solchen bilingualen Parallelversionen Fremdsprachen erlernt. Allerdings beschänkt sich die Mithilfe der Muttersprache darauf, das Doppelverstehen schnell und schmerzlos zu vermitteln. Ansonsten verläuft der Unterricht in der Zielsprache.

Italienisch

(1) Ti amo heißt „ich liebe dich“. Ich verstehe die Liebeserklärung, den Sinn.

(2) Ti amo heißt wörtlich „dich lieb-ich“.  Ich verstehe die sprachliche Form der Liebeserklärung.

Französisch

(1) Quel âge avez-vous? =  Wie alt sind Sie?

(2) Quel âge avez-vous? Wörtlich: Welches Alter haben Sie? Der Franzose sagt’s eben anders. Das müssen wir auch verstehen, um sprachlich weiter zu kommen. Ich könnte z.B. auch den Satz wagen: Quel livre lisez-vous?

Französisch

(1) S’il vous plaît  heißt „bitte“.  Man sagt es, wenn man höflich um etwas bittet. Ich verstehe, was gemeint ist (Sinn).

(2) S’il vous plaît  heißt  wörtlich „wenn es Ihnen gefällt“. Ich verstehe, wie’s gesagt ist, wie der Sinn zustande kommt (Form). Ich könnte jetzt auch den Satz wagen: Si l’hôtel vous plaît, usw.

Schon der gedruckte Text mit seinen Wortzwischenräumen gibt Hinweise auf die Bauform, die hier vierteilig ist.

Chinesisch

(1)  Ní hǎo!  heißt dem Sinn nach „guten Tag“, ist also die übliche Grußformel.

(2)  Ní hǎo!  heißt der Form nach „du gut“

Türkisch:

(1) Ali’nin araba-si  bedeutet „Alis Auto“. Das ist die gute, korrekte Übersetzung

(2) Ali’nin araba-si  heißt wörtlich „Alis Auto-sein“ (vgl. „dem Ali sein Auto“)

Maltesisch:

(1) Il- princep iz-zghir  bedeutet „Der kleine Prinz“.

(2) Il- princep iz-zghir  ist Wort für Wort „Der Prinz der kleine“.

Ungarisch:

(1) Van Önnek autó? bedeutet „Haben Sie ein Auto?“  So sagt man’s  im Deutschen.

(2) Van Önnek autó? bedeutet Wort für Wort „Ist Ihnen Auto?“

Die letzten Beispiele zeigen besonders klar, warum wir nicht nur den Sinn erfassen müssen, also was gemeint ist, sondern zusätzlich auch die Bauform. Wie wirken in der fremden Sprache einzelne Bedeutungselemente zusammen, um den Gesamtsinn hervorzubringen? Wie macht das die fremde Sprache? Erst wenn wir auch die Bauform verstanden haben,  können wir „von endlichen Mitteln unendlichen Gebrauch machen“ (W.v. Humboldt) und immer wieder Neues, noch nie Gehörtes sagen. Also eigene Sätze bauen, indem wir das doppelt Verstandene abwandeln: Wenn wir z.B. „die reiche Frau“  oder „das rote Meer“ sagen wollen, müssen wir uns auf Maltesisch wahrscheinlich anders ausdrücken, nämlich „die Frau die reiche“ und „das Meer das rote“  formulieren. Und im Ungarischen müssen wir wohl Fragen nach dem Besitz mit „sein“ statt „haben“ formulieren, wie es viele andere Sprachen auch machen. „Haben Sie ein Auto? Haben Sie ein Haus? Haben Sie eine Wohnung?“ usw. wird dann ausgedrückt mit der Formel „Van Önnek…“  „Ist Ihnen ein Auto… “. Nach diesem Muster können wir jetzt zahllose weitere Sätze bilden.

Das Bemühen, deutsche Sätze auf doppelte Weise verständlich zu machen, führt zu dem von Wikibiblia gewählten bilingualem Format:

Die Übersetzung sollte stets verständliches, akzeptables, korrektes Arabisch, Persisch usw. bieten. Der Sinn des deutschen Textes wird klar. Was aber wird getan, um zugleich die deutsche Bauform abzuklären?

  • Hier ist die Zeile-für-Zeile Zuordnung besonders hilfreich. Jede Zeile enthält nur wenige neue Informationen. Überschaubare Sinneinheiten erleichtern den Abgleich zwischen den beiden Sprachen.
  • Zusätzlich können Wort-Entsprechungen zwischen den Sprachen fett oder farbig hervorgehoben und so kenntlich gemacht werden. Der fremde Satzbau wird durchschaubar – leider nicht immer zur Gänze, aber doch ein Stück weit:

Arabisch

Ich möchte etwas essen.

Du sollst es genauso machen.

Uridu an akulu shai‘an

عليك أن تفعل مثله

  • Viele zusammengesetzte deutsche Wörter werden hier mit Bindestrich geschrieben. Dies ist orthografisch nicht korrekt, macht die Wörter aber verständlicher: Gesetzes-Lehrer; Geburts-Ort; Gast-Haus…
  • Die Übersetzung wird sich, wo immer das möglich ist, ohne unnatürlich zu wirken,  an das Deutsche anschmiegen. Wir bevorzugen also die Übersetzungen, die dem Original möglichst nahe kommen und trotzdem noch idiomatisch, also sprechüblich sind. Wir suchen, wie Eugene A. Nida es forderte, der so viele Bibelübersetzungen betreute, „the closest natural equivalent“.

Die Muttersprache der Migranten  ist der Generalschlüssel für Sinn und Form der deutschen Texte. Wir sehen durch das Fenster der Eigensprache in die Fremdsprache hinein und beginnen zu verstehen, wie sie funktioniert. Liegt noch keine Übersetzung in der Muttersprache vor, kann notfalls auch eine Übersetzung in eine andere, schon erlernte Sprache helfen. Es versteht sich von selbst, dass mit zunehmenden Deutschkenntnissen die Mithilfe der Muttersprachen abnimmt und am Ende alles – oder fast alles – auf Deutsch abgehandelt werden kann.